Was ist QUIVID

Um jüngere Kunstentwicklungen aufzugreifen und um der Sprachfalle des Begriffs „Kunst am Bau“ zu entkommen, wurde The Word Company beauftragt, einen Namen für die künstlerischen Aktivitäten der Zwei-Prozent-Regelung zu entwickeln. Abgesehen davon, dass damit auch eine gewisse Neuorientierung der Arbeit der Kunstkommission markiert wurde, sollte das vom Baureferat betreute Programm von anderen Projekten abgegrenzt, durch einen eigenen Namen benennbar und damit, im Sinne der eingeleiteten Öffentlichkeitsoffensive, kommunikabel werden. The Word Company schlug eine Reihe von Namen vor, ausgewählt wurde QUIVID.

Mit der Ausstellung QUIVID I – im öffentlichen Auftrag wurde der Name veröffentlicht. Die Veranstaltung umfasste eine von Susanne Clausen und Pawlo Keresty (Szuper Gallery) eingerichtete Ausstellung mit Fußnoten samt Website und eine Statement-Reihe mit Vorträgen von Olaf Nicolai, Adib Fricke, Susanne Clausen und Dr. Heinz Schütz. Um Entscheidungen transparent zu machen, aber auch um nicht realisierte Arbeiten ins Blickfeld zu rücken, präsentierte die Ausstellung die Wettbewerbsbeiträge von Künstlerinnen und Künstlern zu städtischen Bauten, die vor kurzem realisiert wurden oder im Bau begriffen sind. Die Auswahl konzentrierte sich dabei auf Vorhaben, die etwa im Gegensatz zu Schulen und Kindergärten, von einer größeren Öffentlichkeit frequentiert werden. Die ausgestellten Entwürfe wurden in einer vom Baureferat herausgegebenen Dokumentation veröffentlicht (Konzeption und Redaktion: Dr. Heinz Schütz in Zusammenarbeit mit dem QUIVID Team, Gestaltung: Adib Fricke, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg, ISBN 3-936711-04-6).

Die Absicht von QUIVID besteht darin, Kunst, die von der öffentlichen Hand in Auftrag gegeben wurde, öffentlich zu machen. Was bedeutet QUIVID? Wie funktioniert das von The Word Company erfundene Wort?

The Word Company ist ein Unternehmen des Künstlers Adib Fricke, mit dem er sowohl innerhalb, als auch außerhalb des Kunstkontextes operiert. Bereits der Name „The Word Company“ gibt Hinweise auf Frickes Arbeitsweise. Im Kunstkontext kann der Name als Bezeichnung einer fingierten, mit Worten arbeitenden Ein-Mann-Gesellschaft verstanden werden, als Name eines Konstruktes, das sich im Sinne simulativ-ironischer Strategien den Anschein einer Firma gibt und das immer noch kursierende Bild des idealistischen Künstlers unterläuft. Eine nicht an den Kunstkontext gebundene Lesart legt nahe, hinter dem Namen eine textproduzierende Firma für Werbung zu vermuten.

Adib Frickes The Word Company erfindet Worte und situiert sie, durchgängig in Versalien, derselben Typologie und versehen mit dem Markenzeichen TWC, in verschiedenen Kontexten. Dabei bedient sich Fricke sogenannter Protonyme. Der Neologismus „Protonym“ - ein Wortkonstrukt Frickes - wurde in Analogie zu den Worten „synonym“, „homonym“ oder „anonym“ gebildet und setzt sich zusammen aus dem vom griechischen „ónyma“ abgeleiteten Wort für Name und der Vorsilbe „proto“ –„vorderster, erster, bedeutsamster“. Protonyme funktionieren in gewisser Weise wie sprachliche Prototypen. Es handelt sich um sinnlose Worte, um Worthülsen, die in erster Linie Lautmusik sind, um Wortmodelle, die dem womöglich bedeutungsgebenden Gebrauch vorhergehen.

Aus den für München vorgeschlagenen Protonymen wurde QUIVID ausgewählt. Die beiden Silben können als Verweis auf das lateinische qui (deutsch: wer) und videre (deutsch: sehen) betrachtet werden. Doch trotz der benennbaren Ableitung, ergibt das Wort keinen klaren Sinn. Es handelt sich primär um ein wohlkomponiertes Lautkonglomerat, das allenfalls assoziativ mit der Herkunft der Silben spielt. Versehen mit dem TWC-Logo wird in Zukunft jede Verwendung des Namens auch gleichzeitig die Realisierung einer künstlerischen Arbeit von The Word Company sein. Darüber hinaus entfaltet das Wort seinen Gebrauchswert dadurch, dass es die Summe der aus der Zwei-Prozent-Regelung hervorgegangenen und von der Stadt München beauftragten Arbeiten mit einem Eigennamen benennt. Es gibt in der Geschichte der Markennamen Fälle, bei denen ein Eigenname einen Allgemeinbegriff ersetzt – Tesa etwa wurde zum Synonym für Klebeband, Tempo für Papiertaschentuch – , doch wird die Einführung des Protonyms QUIVID sicherlich nicht den Begriff „Kunst am Bau“ aus dem Sprachgebrauch eliminieren, aber zumindest, so die Hoffnung, zurückdrängen, denn der Begriff funktioniert als Begriffsfalle, der offensichtlich nur schwer zu entkommen ist.

Auszug aus dem Text „QUIVID – im öffentlichen Auftrag“ von Dr. Heinz Schütz
(aus Katalog siehe oben)