KUNSTPROJEKT PETUELPARK

Petuelpark über dem Petueltunnel
zwischen Belgrad- und Leopoldstraße

Architekt: Landschaftsarchiteken Jühling & Bertram, München  

Projekt

   




... AUF EINER UNSICHTBAREN STRASSE,
AUF DER HÖHE IHRER FENSTER ...

Ein Projekt im Rahmen von QUIVID, dem Kunst am Bau Programm der Stadt München.

Schirmherr: Oberbürgermeister Christian Ude.
Auftraggeber: Landeshauptstadt München, Baureferat

Künstlerkurator: STEPHAN HUBER, München

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler:
BARBARA BLOOM, New York
BOGOMIR ECKER, Düsseldorf
RODNEY GRAHAM, Vancouver
HANS VAN HOUWELINGEN, Amsterdam
HARALD KLINGELHÖLLER, Düsseldorf
RAIMUND KUMMER, Berlin
ARIBERT VON OSTROWSKI, Berlin
ALEXANDRA RANNER, München
ROMAN SIGNER, St. Gallen
KIKI SMITH, New York
PIA STADTBÄUMER, Düsseldorf
DIETMAR TANTERL, München

Architektur:
Cafe Petuelpark mit Ausstellungsraum KUBUS im Petuelpark sowie Generationenpavillon: KIESSLER & PARTNER, München

Partner des Kunstprojektes Petuelpark: BMW Group, Stiftung Straßenkunst der Stadtsparkasse München, Versicherungskammer Bayern, Kulturbaufond München, OSRAM, Deutsche Städte Medien, Hotel Bayrischer Hof. Der Generationengarten entstand im Rahmen des Städtebauförderprogramms „Soziale Stadt“.



DER PARK
Wo früher der tosende Lärm und die Abgase einer Stadtautobahn die Anwohnerinnen und Anwohner plagten, erstreckt sich seit 2004 ein idyllischer Park. Am 23. Juni 1996 hatte sich die Mehrheit der Münchnerinnen und Münchner in einem Bürgerentscheid für einen kreuzungsfreien Ausbau des Mittleren Rings und den Bau von drei neuen Tunnels ausgesprochen. Seit 2002 ist der Abschnitt Petuelring untertunnelt. Auf dem 900 m langen Tunneldeckel ist in den Folgejahren eine ungewöhnliche Parkanlage mit öffentlichen Plätzen, intimen Gärten und großzügigen Rasenflächen entstanden. Der Petuelpark hebt die bisherige Trennung zweier Stadtteile auf, die nun über dieses neue Zentrum zusammenwachsen. Die Landschaftsarchitekten Stefanie Jühling und Otto A. Bertram nutzen die versetzten Ebenen, die durch den aus Kostengründen nicht vollständig versenkten Tunnel entstanden, für eine intelligente Zweiteilung des Areals in das großzügige Plateau oben und die kleinen kontemplativen Rückzugsräume auf der unteren Ebene am Nymphenburger-Biedersteiner-Kanal. Die Lage des Parks auf dem Tunnel, die daraus resultierende Linearität seiner Form und die prägnante rote Tunnelwand geben dem Park seine unverwechselbare Gestalt.

DAS KUNSTKONZEPT
Praktisch zeitgleich mit der Entwurfsplanung der beauftragten Landschaftsarchitekten wurde 1999 vom Baureferat, beraten durch die städtische „Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum“, der Wettbewerb für das Kunstkonzept ausgeschrieben. Vorgabe für die Wettbewerbsteilnehmer war die Beteiligung weiterer Künstlerinnen und Künstler. Dem Gewinner sollte die Rolle des Teamleiters / der Teamleiterin zukommen. Der Münchner Künstler Stephan Huber ging mit seinem Konzept als Sieger hervor. Unterschiedliche künstlerische Einzelpositionen sollten sich in seinem Konzept zu einem komplexen Gesamtbild addieren. Die Kunst vermeidet die Betonung der Längsausrichtung des Parks, ist teilweise fast versteckt, um dann überraschend ins Gesichtfeld des Besuchers / der Besucherin zu treten. Auch das klassische Parkmotiv „Pavillon“ gehörte von Anfang an zum Kunstkonzept. Dem Cafe im Zentrum und dem Generationenpavillon kommt die Funktion der „soziale Klammer“ zu.


KUNSTWERKE IM PARK

BOGOMIR ECKER platziert in einem Heckenraum ein Periskop, durch das man den Autoverkehr im darunter liegenden Tunnel beobachten kann – ein Blick aus der Idylle hinab ins Inferno.

In einen Hortus Conclusus aus Eibenhecken stellt RODNEY GRAHAM sieben Stühle, Nachbauten aus dem Pariser Jardin du Luxembourg. Hier kann der Flaneur entspannen und jeden Tag um Punkt 16:15 Uhr einem ungewöhnlichen „Kurkonzert“ lauschen: Dem Song „I am on an island“ von the Kinks - in einer Adaption von „The Rodney Graham Band“.

Irritierend und verletzlich wirkt HANS VAN HOUWELINGEN´s strahlend weiße Marienstatue auf den ersten Blick. Es handelt sich um eine vergrößerte Kopie einer Figur aus dem 15. Jahrhundert. Aus dem Stigma der Hand des Jesuskindes fließt Wasser in das Brunnenbecken. Durch die Weihe der angrenzenden Kirchen erhält die Skulptur die vom Künstler gewünschte Verbindlichkeit.

Diskutieren, Streiten, Reden, Vortragen und ...... Wasser trinken können die Besucher im „Rhetorischen Wäldchen“ von HARALD KLINGELHÖLLER. Unter einem Hain von Bäumen stehen sechs Rednerpulte unterschiedlicher Größe und Gestaltung, gefertigt aus weißem und schwarzem Granit. Auf Knopfdruck werden sie zum Trinkbrunnen.

In RAIMUND KUMMER´s Glashaus hängen zwei grüne Glasgebilde, die in überdimensionierter Form das Innere des menschlichen Auges nachbilden. Schützt der Pavillon die fragilen Glasskulpturen vor dem Betrachter oder wird der Betrachter vor den monströsen Augen geschützt?

Ein Paar vergessene Stiefel auf einer kleinen Insel im Bach. Plötzlich schießt eine bis zu sieben Meter hohe Wasserfontäne daraus hervor. Dem kurzen Moment der Explosion folgt eine Weile der Stille, bis ein erneuter Wasserschwall hervorbricht. In Sichtweite, am Gehweg, hat ROMAN SIGNER ein zweites Paar Stiefel abgestellt, aus denen stoßweise Luft strömt.

Quietschbunt ist der junge Reiter von PIA STADTBÄUMER´s ungewöhnlichem Reiterstandbild, und beladen mit all den Insignien und Statussymbolen der zeitgenössischen Trashkultur. Langsam dreht sich die Figur um ihre Achse, ab und zu stößt das Maultier einen Schrei aus. Ein Denkmal sozusagen für die Aktualität des Augenblicks.

DIETMAR TANTERL bezieht sich bei seinem Lichtkunstkonzept für den Park auf die Besonderheit des Ortes: 70 Edelstahlstelen mit integrierten Autoscheinwerfen, die tagsüber eigene skulpturale Qualität besitzen, geben den Park nach Einbruch der Dunkelheit urbane Helligkeit und verweisen auf die vormalige, nun unterirdische Stadtautobahn.

Bei der Rosenpergola, einem Ort der Poesie, läd ARIBERT VON OSTROWSKI mit collageartigen Text- und Bild-Fragmenten auf Milchglasflächen zur Reflexion ein: „Erzähle die Geschichte selbst“ fordert er den Betrachter auf. Die Schrifttypen sind übrigens dem berühmten „Hortus Eystettensis“ des Nürnberger Apothekers Basilius Besler entliehen.


DAS CAFE PETUELPARK

Das Café – als Zentrum und Herz des Parks in dessen Mitte situiert – ist vom Architekturbüro KIESSLER & PARTNER (München) geplant und von Barbara Bloom, Alexandra Ranner und Kiki Smith künstlerisch gestaltet. Ein eleganter Pavillonbau mit klarer Formensprache.

KUNST IM CAFE
Gleich beim Entrée stößt man auf ALEXANDRA RANNERS Kuchenvitrine, deren süßes Inventar so manchen Gast irritieren wird. BARBARA BLOOM hat das Treppenhaus des Cafés mit kleinen, in die Wand eingelassenen Monitoren bestückt, auf denen tanzende und sich drehende Röcke zu sehen sind. Die sich permanent bewegenden Röcke begleiten den Betrachter auf den Weg nach oben. KIKI SMITH gestaltet eine Wand im Café mit zwei Sternenkonstellationen, die einen Rosenbusch umkreisen. Eine Welt der Phantasie: als ob der Betrachter nachts träumend im Park liegt und in den Sternenhimmel schaut.

Unter dem Titel „MONTAGS BEI PETULA PARK“ wurde im Cafe einmal monatlich ein Kunstprogramm angeboten, das von jungen Künstlerinnen und Künstlern gestaltet wird. Veranstalter war die Städtische Galerie im Lenbachhaus und kuratiert wurde die Reihe von Stephan Huber.

DER KUBUS IM PETUELPARK
Während die Gasträume des Cafes ihren Hauptzugang auf der oberen Parkebene haben, befindet sich die neue Ausstellungsdependance des Lenbachhauses, der „KUBUS im Petuelpark“, im Untergeschoss des Gebäudes und ist mit seinem Schaufenster zum Fußweg am Bach orientiert. Der „KUBUS im Petuelpark“ soll Ort für raumbezogene Installationen sein, die dreimal jährlich wechseln. Das Lenbachhaus wird hier neu entdeckte Talente präsentieren. Stephan Huber freilich, der mit dem Projekt „Kalte Kammer“ die Premiere (Juni-August 2005) bestreitet, dürfte zu den international bekanntesten deutschen Künstlern gehören.


DER GENERATIONENGARTEN

Der Generationenpavillon (Architekturbüro Kiessler & Partner) und der dazugehörige Generationengarten (Jühling und Bertram) schaffen eine grenzüberschreitende Begegnungsstätte zwischen jungen, alten, deutschen und nichtdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus Milbertshofen und Schwabing. Die Parzellen werden jährlich vom örtlichen Stadtteilzentrum an Interessierte vergeben.


PUBLIKATION:

Kunstprojekt Petuelpark, Hrsg. Uwe M. Schneede, Stephan Huber, Prestel Verlag, 2006


Fotos:

 


Entwurf für den Petuelpark von Roman Signer