Jens Schwarz:
Beweg' dich, dann bewegt sich was, 2005


Kindergarten - Denningerstraße 3
Architekt: Drescher + Kubina
 

Einzelwerk
   

Zweiteilige Fotoinstallation mit Wechselbildsequenzen, je 240 x 120 cm



Tauschen die beiden kleinen Freundinnen gerade Geheimnisse aus? Oder warum grinsen sie sich sonst so verschwörerisch an? Schmollt einer der auf dem Rasen kauernden Jungs? Ereignet sich gar eine kleine Eifersuchtsgeschichte zwischen den Kindern? Ist der über die Schulter der weiblichen Protagonistin blickende Kerl nicht bis über beide Ohren in das Mädchen verschossen? Die Figurenkonstellation ist in Jens Schwarz‘ im Grünen abgehaltenen ‚tête à tête‘ der Kinder derart offen gehalten, dass man ein vielfältiges Beziehungsgeflecht in die Gesten und Verhaltensweisen hineindeuten kann. Dabei hat Schwarz die fünf kleinen Akteure ohne jeden inszenatorischen Eingriff im situativen Zusammensein dokumentiert. Circa 600 Aufnahmen waren nötig, bis das Aufeinandertreffen der drei Jungs und zwei Mädchen in einem beiläufigen und atmosphärisch stimmigen Licht erschien. Und doch glaubt man nun einem kleinen Schauspiel beizuwohnen. Nicht zuletzt, weil die beiden an der Kindergartenfassade über Eck gestellten und dank einer spezifischen Linsenfolien–Technik möglich gewordenen Fotosequenzen sich im Vorbeigehen zu einem räumlichen Handlungskontinuum vereinen. Wie bei Erwachsenen zeichnet sich schon unter den Kindern das wechselhafte Szenario von Zuneigung und Abwehrhaltung ab.

"Beweg‘ dich, dann bewegt sich was" - das Sponti-Motto aus aktionistischen Tagen wird von Jens Schwarz auf doppeldeutige Weise neu interpretiert. Einmal als Appell an die Kinder, sich aktiv ins spielerische Geschehen einzuschalten. Zudem ist die Kindergartenzeit die erste Abnabelungsphase von den Eltern und der Beginn eines langen Prozesses der sozialen Integration. Dann reflektiert der Titel natürlich auch das sich erst durch den ständigen Positionswechsel des Betrachters ergebende Animationsbild von zwei mal drei Szenen. Dank der Lentikulartechnik, wie sie gerade in den Sechzigerjahren bei 3D-Postkarten gebräuchlich war, konnten jeweils drei Szenen in die beiden aus gewölbten Rillen bestehenden Fototafeln zu einem Wechselbild eingeschrieben werden. Es gibt allerdings einen beiden Sequenzen gemeinsamen Fluchtpunkt an der Gebäudeecke. Von gewissen Betrachterperspektiven aus hat man zudem den Eindruck, das eine oder andere nur mehr verschwommen sichtbare Kind würde förmlich wie ein Phantom im Grün verschwinden. Dadurch verstärkt sich der ephemere Charakter des beobachteten Kinderspiels. Nichts bleibt statisch, alles ist im Fluss. Jens Schwarz hat eine aus dem amerikanischen Trivialbildbereich bekannte Technik mit Raffinesse in die architektonischen wie psychologischen Gegebenheiten eines Kindergartenterrains übersetzt.

Birgit Sonna

Fotos: Jens Schwarz