Ruth Handschin:
Wilde Nachbarn, 2004


Kinderkrippe - Felicitas-Füss-Straße
 

Einzelwerk
   

Acrylfarbe auf Wand, je 300 x 470 cm



Vertrauter als der Anblick von Gänseblümchen ist Kindern heute längst der Umgang mit Gameboy und Handy. In einer total ökonomisierten Welt weiden milkablaue Kühe und wachsen Äpfel nicht auf den Bäumen, sondern im Supermarkt. Die Aneignung der Natur durch die Zivilisation führt zur Überformung und Ausblendung des Wilden. Gewächse, die nicht als Zier- oder Nutzpflanze dienen, fallen unter die Kategorie „Unkraut“. Sie sind, um den Begriff zu wählen, mit dem Ruth Handschin ihre Kunst in den letzten Jahren labelt: "flora non grata".
Mit ihrer über zwei Etagen reichenden Wandinstallation "Wilde Nachbarn" lenkt Handschin den Blick auf jene Pflanzen, die in unseren Städten rar geworden sind und die doch in unmittelbarer Nähe der Kindertagesstätte wachsen, auf Pflanzen, die nicht künstlich gesät werden, sondern die sich selbst setzen und deren erstaunliche Vielfalt allzu gerne übersehen wird. Die Größe von Handschins Pflanzenblättern – die Kinder stehen vor ihnen wie Alice im Wunderland – enthüllt die Schönheit und Eigenwilligkeit des Wildwuchses. Jede Pflanze verfügt über einen eigenen Charakter und transportiert über ihre Form eine eigene Atmosphäre. Der elegante Schwung des Bocksbartblattes steht neben dem filigranen Geästel der Möhre, das mild Herzförmige der Winde neben dem scharf gezahnten Brennesselblatt und den wehrhaften Stacheln der Gänsedistel.
Die Silhouetten der Pflanzenblätter und die hochenergetische Farbigkeit mit ihrem dunklen Blau auf leuchtend gelbem Grund produzieren eine vitale Zone. Bereits von weitem sichtbar wirken die Pflanzen als ein programmatisches Zeichen für die Kindertagesstätte, die auch eine Freilandgruppe beherbergt. Sie strahlen über die Kindertagesstätte hinaus in den öffentlichen Raum hinein und definieren den Ort als Singulären. Heinz Schütz