Raimund Kummer:
Augen für einen am Baum angeketteten Klappstuhl, 2004


Petuelpark - zwischen Belgrad- und Leopoldstraße
 

Einzelwerk

Teil des Projekts: KUNSTPROJEKT PETUELPARK
   





Gerahmt von einer Baumgruppe hat der Berliner Künstler Raimund Kummer auf einer kleinen Lichtung am nordwestlichen Ende des Petuelparks seine Architektur-Skulptur platziert: In einem einfachen achteckigen Pavillon hängen zwei grüne Glasgebilde, die sich bei genauerem Hinsehen als überdimensionale menschliche Augen identifizieren lassen. Gleich einem Gewächshaus oder einem Vogelkäfig scheint die architektonische Hülle die zerbrechlichen Skulpturen vor dem Betrachter schützen zu wollen, das fragile Organ wird aber gleichzeitig beinahe voyeuristisch zur Schau gestellt.
Das Oktogon, die achteckige Architekturform, ist ein Zitat aus der traditionellen Baugeschichte seit der Antike bis in den Barock hinein und definiert prominente und repräsentative Bauten, die eine wichtige ästhetische und inhaltliche Bedeutung haben. Auch im Beitrag Raimund Kummers übernimmt das Oktogon diese Funktion und verleiht dem Ort einen beinahe sakralen Charakter. Das menschliche Innenleben ist hier ausgestellt, das vermeintliche Ergebnis einer medizinischen Untersuchung in einer monströs anmutenden, aber ästhetisch überhöhten Skulptur präsentiert. Menschliche und tierische, pflanzliche und künstliche Form zugleich, wird das Auge zum „Spiegel der Seele“ wie darüber hinaus zum Abbild der unbeweglichen Landschaft und der sich stetig ändernden menschlichen Anwesenheit: In den über dem Boden schwebenden, konkav gestalteten Glaspupillen spiegeln sich die nächste Umgebung. Innen und Außen, Ich und das Andere verschwimmen miteinander.
Der oktogonale Pavillon wird so zu einem intimen Hain inmitten der umgebenden Großstadt, eine kleine Kapelle, in deren Innern die „Grünen Augen“ die Funktion einer modernen Heiligenstatue übernommen haben: Sie symbolisieren die Seele des Parks wie ebenso jedes einzelnen Besuchers, wie dies bereits der Evangelist Matthäus metaphorisch beschrieben hat: „Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein.“
Florian Matzner

Fotos: Wolfi Stehle