Hans van Houwelingen:
Maria, Quell des Lebens, 2004


Petuelpark - zwischen Belgrad- und Leopoldstraße
 

Einzelwerk

Teil des Projekts: KUNSTPROJEKT PETUELPARK
   





„Das Leben ist das, was passiert, während wir an etwas anderes denken“ hat Oscar Wilde einmal gesagt. Diesen tragischen Widerspruch von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat sich der Niederländische Künstler Hans van Houwelingen zu eigen gemacht, wenn er mit seinem Beitrag für den Petuelpark ein Zitat aus der Kunstgeschichte in die Jetztzeit katapultiert: Nahe der Barlachstraße steht die Nachbildung einer Marienstatue aus dem 15. Jahrhundert, aus dem Stigma des Jesuskindes fließt Wasser in das Brunnenbecken, das gleichzeitig als anachronistisch anmutender Sockel für die Marmorstatue dient. Herausgerissen aus der katholischen Frömmigkeit einer österreichischen Barockkirche erhält diese Staute unversehens im ungeschützten Kontext des urbanen Außenraums eine eigenartige Brisanz und Aktualität, eine konkrete Verbindlichkeit und wird damit erneut zum allgemeinen Sinnbild menschlicher Existenz. Beinahe schüchtern sieht sich der Spaziergänger unvermittelt der Marienstatue vis-à-vis gegenüber, deren Jesuskind auf dem Arm durch das aus der Wunde rinnende Wasser zum Leben erweckt scheint und plötzlich zum konkreten Ansprechpartner wird. Soll der Passant jetzt anhalten, niederknien und beten? Ein absurd erscheinender Akt der intimen Privatheit unter den Augen der großstädtischen Öffentlichkeit? Oder eben ein vielleicht auch ironischer Verweis des Künstlers auf die so genannten Werteverluste westlicher Gesellschaften und ihrer belanglosen, am oberflächlichen Konsum orientierten Lebensformen, in der auch eine Marienstatue mit Jesuskind in bestem Falle als touristische Attraktion herhalten muss?
Aber damit nicht genug: Geistliche der großen christlichen Glaubensrichtungen des Katholizismus, des Protestantismus und der griechischen Orthodoxie haben die Statue nach ihrer Aufstellung im Petuelpark geweiht, die Kopie des 21. Jahrhunderts erhält damit die Funktion des Originals aus dem 15. Jahrhundert zurück: Die vermeintlich klare Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird verwischt – als mögliche Perspektive für die Zukunft?
Florian Matzner

Fotos: Wolfi Stehle