Roman Signer:
Zwei Paar Stiefel, 2004


Petuelpark - zwischen Belgrad- und Leopoldstraße
 

Einzelwerk

Teil des Projekts: KUNSTPROJEKT PETUELPARK
   





Eine merkwürdige Szenerie: Auf einer kleinen Insel hat ein Gärtner, ein Fischer vielleicht seine Gummistiefel vergessen. Aus ihnen schießt in unregelmäßigen Abständen eine Wasserfontaine bis zu sieben Meter in die Höhe, um dann wieder im Nichts zu zerfallen. Man traut seinen Augen nicht: Dem kurzen Moment gewaltiger Explosion folgt eine Weile der Stille, der trügerischen Idylle, bis ein erneuter Wasserschwall die Aufmerksamkeit der Passanten erregt. In Sichtweite neben einem Gehweg steht ein weiteres Paar abgestellter, vergessener Stiefel. Aus ihnen aber schießt nicht Wasser, sondern kalte Luft, die dem Spaziergänger im Sommer Kühlung zu bringen verspricht.
Mit „Wasserstiefel – Luftstiefel“ hat der Schweizer Künstler Roman Signer, der Altmeister der vier elementaren Erscheinungen Feuer, Wasser, Erde und Luft, ein auf den ersten Blick unsichtbares Kunstwerk geschaffen, das beim zweiten genaueren Hinschauen für nur kurze Momente zum Leben erweckt wird: Idylle und Explosion, Stille und Chaos liegen dicht beieinander, auch als ironischer Verweis auf das Übereinander, das Verdoppeln urbaner Benutzeroberflächen in den in die Vertikale wachsenden Großstädten: unten der tosende Autoverkehr, oben der zur Erholung einladende Petuelpark, unten die laute Schnelligkeit, oben die leise Langsamkeit.
„Wenn ich in eine neue Stadt komme, suche ich meistens nach dem Wasser“ hat Roman Signer einmal gesagt - und weiter: „Wasser ist wie ein Lebensfaden, der mich durch das ganze Leben begleitet.“ Auch mit den zwei Paar Stiefeln hat der Schweizer Künstler einen subtilen Beitrag zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ geliefert, wenn er das traditionelle Erscheinungsbild der Brunnen und Brünnchen in der Stadt als Symbol von Reichtum und Überfluss um seine schmunzelnde Variante erweitert. Darüber hinaus wird der Flaneur im Petuelpark unversehens zum Augenzeugen einer Situation, die ebenso banal wie grotesk ist und die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Alltag und Tagtraum verwischen lässt.
Florian Matzner

Fotos: Wolfgang Stehle