Tobias Wittenborn:
Demontage, 1999


Kindertagesstätte - Sanderplatz 9
(Eingangsfassade)
Architekt: Baureferat Hochbau: Ott / Peijari-Leikam
 

Einzelwerk
   

Blech verzinkt, Aluminium, Ölfarbe,
geschweißt, genietet, geschraubt, bemalt
3,60 m hoch x 14,0 m lang x 0,60 m tief



Die Zeit der großen Erzählungen sei vorbei, so heißt es, uns wir lebten im Zeitalter der Ideenlosigkeit. Die Rahmen, die einen gesellschaftlichen Konsens garantierten, sind gesprengt. In der Philosophie wie auch in der Architektur ist die Dekonstruktion angesagt. Der Schock der Demontage soll ein heilsamer sein, der Prozess selbst ist noch nicht abgeschlossen, wie das Experiment ausgeht, noch nicht klar.
An der hölzernen Außenwand des Gebäudes hat scheinbar so etwas wie eine Explosion stattgefunden, in einem bestimmten Moment eingefroren wie auf einer Fotografie - allerdings in vollen Dreidimensionalität. Ohne erkennbar Ordnung übereinander gelagerte Bilder und ihre Rahmen sind auseinandergeborsten, die Teile fliegen quer über die Fassade. Sieht man genauer hin, ist noch etwas Wundersames passiert, manche Figuren sind nämlich aus ihren Bildern herausgeschleudert worden oder haben sie bei der guten Gelegenheit verlassen): So frisst beispielsweise ein Wolf irgendwo ein Geißlein, die übrigen suchen in allen Richtungen das Weite, ein Pfeife rauchender Igel hängt kopfüber an der Wand, ebenso ein kleiner Zinnsoldat in seinem Papierschiffchen.
Als Ausgangsmaterial wählte Tobias Wittenborn hausbackene Illustrationen aus den späten dreißiger Jahren zu Märchen von Grimm, Andersen und Hauff. Der Kontext, bzw. der Rahmen wird gesprengt, die Figuren machen sich selbständig. Wittenborn stellt die Frage nach der Phantasietätigkeit (nicht nur) der Kinder im Zeitalter von Video- und Computerspielen, im Zeitalter der sogenannten virtuellen Realität. Dr. Ivo Kranzfelder