Michael Wesely:
Schule, 2000


Grundschule, Pausenhalle - Haldenbergerstraße 27
Architekt: Dipl.Inge Klaus Bachmann, Joachim Bottinger
 

Einzelwerk
   

11 Ilfochrome, 100 x 100 cm, Metallrahmen Titel eingraviert



Elf Kindergesichter reihen sich hoch oben an der Wand der Pausenhalle. Elfmal ein anderes Gesicht, doch irgendwie ähnlich. Dunkle Haare und Augen, weiche ein wenig verschwommene Konturen, ein kleines Lächeln in den Mundwinkeln. Keines der Kinder ist deutlich zu erkennen, sie bleiben diffus, unwirklich wie Phantombilder. Denn die elf Photographien bilden keine einzelnen Schüler ab, sondern jeweils einen ganzen Klassenverband. Im Jahr der Einweihung des Neubaus hat der Künstler Michael Wesely, der durch seine Langzeitbelichtungen und photographischen Experimente mit einer selbstgebauten Camera obscura bekannt ist, alle Schüler der Hauptschule an der Haldenbergerstraße photographiert. Doch von einer Dokumentation im üblichen Sinne sind seine Aufnahmen weit entfernt. Denn Wesely hat durch Mehrfachbelichtung eine Art Gruppenporträt aus der Summe von Einzelbildern einer Klasse geschaffen, das zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema »Ich und die anderen« anregt. Die Kinder suchen in den Gruppengesichtern nach persönlichen Merkmalen, der eigenen Identität. Wer bin ich? Was unterscheidet mich von den anderen? Was macht mich als Person unverwechselbar? Wesely wirft mit seinen Photographien ganz zentrale Fragen auf, mit denen sich Jugendliche auf ihrem Weg in die Welt der Erwachsenen beschäftigen. Durch ihre Präsenz im öffentlichen Raum können sie zum Impuls für Gespräche mit den Lehrern und Mitschülern werden. Cornelia Gockel