Andreas von Weizsäcker:
Oberwasser-Kanalmuseum


Kanalsystem der Stadtentwässerungswerke München - Nordwestsammelkanal, Akademiestraße, Ungererstraße,
(Eishüttenweg, Waisenhausstraße)
 

Einzelwerk
   

Mehrteilige Arbeit, im Boden eingelassene Reliefs mit Stiefelabdrücken der Kanalarbeiter



In seiner Arbeit "Oberwasser" – einem Ensemble von Reliefbändern an Einstiegen in das Kanalsystem der Stadt München – fixiert Andreas von Weizsäcker zufällig scheinende, flüchtige Richtungswechsel: Die Bänder zeigen im Hochrelief einander überlagernde, vielfach gegenläufige Abdrucke der Profilsohlen von Kanalarbeitern. Die im wörtlichen Sinne niedere, zweckgebundene Sphäre der "Kloake" und die klassische Weiheformel eines gusseisernen Monuments oder einer Gedenktafel werden eingeführt. Mit der Rolle als "Kanaldeckel" ironisiert das Werk den Gedanken des Denkmals, unterläuft es die traditionsreiche Kopplung von Kunst und historischer "Erhabenheit".
Die Reliefbänder verlaufen unabhängig von der Straßenführung der sichtbaren überirdischen Welt, folgen dem verborgenen Wegesystem der "Unterwelt", kehren das Unterste zuoberst. So erschließen sie dem Betrachter, der die – erhabenen – Spuren der "Kanaler" betreten kann, eine Welt, die genauso nahe wie fremd ist. Sie legen verborgene Aspekte der alltäglichen gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit frei und setzen die Maxime, dass Kunst "Untergründe" bewusst macht, jenseits althergebrachter Definitionen von "Kultur" wortwörtlich um.
Es ist ein vielzitierter Standard der Moderne, dass die Kunst stets auf sich selbst und ihre Urheber verweist, dass sie die Spuren ihrer Entstehung konserviert. Andreas von Weizsäcker verlagert diesen Gedanken: Er legt die Entstehung des Werkes vollständig offen. Konserviert sind jedoch nicht die Spuren des Künstlers, sondern diejenigen der Konstrukteure der ebenso lebensnotwendigen wie als abstoßend und banal geltenden "Unterwelt" der Stadt.
Hintergründig meldet "Oberwasser" dabei den Anspruch der Kunst an, genauso unabhängig von der sichtbaren Welt eigene Wege zu entwickeln, genauso allgegenwärtig, wenn auch manchmal verkannt, zu sein wie das Kanalsystem – und genauso lebensnotwendig. Diese Bedeutungsebene gehört sicher zu den faszinierendsten Momenten der Arbeit von Andreas von Weizsäcker. Dr. Peter Joch

Fotos: Wilfried Petzi, A. v. Weizsäcker