Doris Titze:
Ohne Titel, 1998


Berufliche Schulen an der Bergsonstraße - Bergsonstraße 109
(Meditationsraum)
Architekt: Bauer, Kurz, Stockburger
 

Einzelwerk
   

Raumgestaltung mit Meditationsfenster aus blauem, roten und gelben Glas



Drei raumhohe Glasscheiben in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau, die sich vor einem großen runden Fenster nebeneinander- und übereinanderschieben lassen: Mehr braucht Doris Titze nicht, um ein Meditationsfenster entstehen zu lassen. Weniger noch: Was die figürliche Darstellung betrifft, beschränkt sich die Künstlerin auf das „Nichts". Keine Engel, keine Heiligen, nicht einmal die Ornamente eines Mandates, sondern allein farbiges Licht, das hier auf vielfältigste Weise zur meditativen Wirkung kommen kann. Wie Lao Tse in seinem berühmten Tao te King sagte: „Schaffe Leere bis zum Höchsten! Wahre die Stille bis zum Völligsten! Alle Dinge mögen sich dann zugleich erheben. Ich schaue, wie sie sich wenden. Die Dinge in all ihrer Menge, ein jedes kehrt zurück zu seiner Wurzel. Rückkehr zur Wurzel heißt Stille. Stille heißt Wendung zum Schicksal. Wendung zum Schicksal heißt Ewigkeit. Erkenntnis der Ewigkeit heißt Klarheit..." Klarheit evoziert Doris Titze auch mit ihrer minimalistischen, auf Vereinheitlichung zielenden Formgebung. Jede der drei Glasscheiben nimmt den trapezförmigen Grundriss des vor ihnen liegenden Raums in verkleinertem Maßstab noch einmal auf. Andererseits betonen sie alle zusammen den Kreis des hinter ihnen liegenden Fensters: als metaphysische Lichtquelle, als Symbol des Einen, der Ganzheit, der Vollkommenheit, der die Vielheit entspringt und physikalische Wirklichkeit wird wie gerade diese drei Glasscheiben in ihrem unendlichen Facettenreichtum. Claudia Niklas

Fotos: Ingrid Voth-Amslinger