Florian Thomas:
Ohne Titel, 2002


Callcenter der Landeshauptstadt München - Am Roßmarkt 3
Architekt: Lenz+Partner
 

Einzelwerk
   

Dreiteilige Wandarbeit



Die sublimen Ausprägungen ungegenständlicher Malerei - so lautet eine nach wie vor gültige Maxime der Kunstrezeption - lassen sich schlichtweg nicht abbilden. Wie bei der Begutachtung der Alten Meister ist es unerlässlich, den Gesamtkorpus der Malerei persönlich in Augenschein zu nehmen. Erst dann kann die Haut und das ästhetische Innenleben eines abstrakten Bildes mit all seinen etwaigen Narben, Poren, Zellen, Schlieren, Adern, Oszillationen, Farbeinschlüssen und -verläufen adäquat wahrgenommen werden. Florian Thomas Malereien geben das beste Beispiel für die Unmöglichkeit einer einigermaßen originalgetreuen Reproduktion ab. Schwerlich wird ein Foto zeigen können, wie sich auf seinen oft großformatigen Gemälden ein atmosphärischer Wandel aus koloristischen Dunstschleiern und chromatischen Farbreaktionen vollzieht. Unter den oft nur hauchzarten, lasierenden Schichten sieht man das Gewebe der Leinwand durchscheinen. Und so steht gerade das fürs Münchner Call-Center geschaffene extreme Längsformat für eine ganze Kette von koloristischen Sensationen, die sich erst im Auge des Betrachters ereignen. Mit jedem Schritt zieht einen das panoramatische Bild stärker in den Sog der immer anders ausdifferenzierten Modulationen. Ein fast filmisches Moment von nacheinander sich ablösenden Farbraumeffekten tritt zutage. Obschon das Bild aus drei Teilen zusammengesetzt ist, ergibt sich eine zusammenhängende Logik in der Sequenz der Nuancierungen und Texturen. Vereinzelt sind Störungen des Illusionismus durch tachistische Einsprengsel bewusst vorprogrammiert. Florian Thomas versteht es, perfekt auf der Klaviatur der Farbsuggestionen zu spielen und hat das Breitwandformat so auf den Raum zugeschnitten, dass es nie mit einem Blick zu erfassen ist. Am liebsten würde man die einzelnen Partien nahsichtig mit der Filmkamera abzutasten. Das Ergebnis wäre sicher enttäuschend. Birgit Sonna

Fotos: Peter Schinzler