Dietmar Tanterl:
Grundgesetz, 1996


Wohnungs- und Flüchtlingsamt - Franziskanerstraße 8
(Fassade)
Architekt: Architekturbüro Reinhard Dörnfeld und Lenz+Partner
 

Einzelwerk
   

Leuchtschrift, LED-Technik, Stromversorgung durch eine Photovoltaikanlage,
Länge: 60 Meter



Lichtinstallationen von Dietmar Tanterl sind minimalistische Interventionen, die urbane Situationen, extern wie intern, in die parallelen Räume einer neu definierten Anschauung, Imagination und Reflexion von Öffentlichkeit verschieben. Diese Zeichensetzungen exponieren nicht nur den städtischen Ort außerhalb seines unauffällig und alltäglich gewordenen Gebrauchs. Es sind Dispositionen für Differenz- und Grenzerfahrungen, die sich - gleichsam natürlich - in die Strukturen der Architektur und in die Kontexte ihrer Nutzung einschreiben.
In ihrer linearen Gliederung verbindet sich die Lichtinstallation in der Franziskanerstraße 8 ebenso mühelos wie zwingend mit der inneren Logik des Gebäudes. Aber auch mit der Laufrichtung des Textes, der die ersten vier Artikel des Grundgesetzes als symbolische Signatur mit den Tätigkeiten in diesem Gebäude subtil in Beziehung setzt. Wenn Text, Textur und Architektur auf diese Weise kooperieren, entsteht ein mentaler Komplex, der zwischen den Realitätsebenen des Zeichens und des Materials oszilliert. Das Licht dieser Installation wird als Sonnenlicht über eine Solaranlage in Elektrizität gewandelt, durch Light Emitting Diods (LEDs) in eine weithin sichtbare und lesbare Botschaft transformiert und darüber hinaus, energietechnisch optimiert, weiteren Nutzungen zugeführt. Das Grundgesetz wird Gegenstand einer Lichtinstallation mit positiver Energiebilanz.
Die Eleganz der jeweils gefundenen Lösung ist bei Tanterl das Ergebnis eines künstlerischen Kalküls, das ebenso taktisch wie strategisch operiert. Minimalismus und Prägnanz sind hierbei Ergebnis eines Verfahrens, welches die ästhetischen, semantischen und technischen Schichten des Werks interdependent verklammert und auf ein wesentliches Ziel hin steigert: denn schließlich geht es um die nachhaltige Markierung - und das heißt vor allem: um das Offenhalten jenes Zwischenraums, in dem sich die gebaute Welt durch ihre symbolische Überzeichnung als ein öffentlicher Ort überhaupt erst zu konstituieren vermag.
Franz Kluge