Geiger, Koenig, Lechner:
Farbgestaltung, Große Kore II, 26 / 73, 1973


Schulzentrum Fürstenried-West - Engadiner Straße 1
Architekt: Peter Lanz Architekten, München
 

Einzelwerk
   

Rupprecht Geiger: Gesamtkonzept Farbgestaltung
Fritz Koenig: Große Kore II, Bronzeskulptur
Alf Lechner: 26 / 73, Stahlskulptur



Rupprecht Geiger:
Gesamtkonzept Farbgestaltung, 1973
Farbkonzept nach Stockwerken mit farbigen
Faserzementplatten: EG Rot / Orange / Pink,
1. OG Blau, 2. OG Grün, 3. OG Gelb / Orange / Pink
(noch teilweise erhalten)
Drei Ovale, Pausenhalle im Erdgeschoss:
Acryl / Holz, 210 x 310 x 8 cm (2021 saniert)
Halbkreis, Schwimmbad: Acryl/ Holzwerkstoffplatten,
388 x 1035 cm (2020 saniert)
Fritz Koenig: Große Kore II, 1972-75
Bronzeskulptur im Eingangsbereich des
südlichen Aufgangs, Höhe 370 cm
Alf Lechner: 26 / 73, 1973
Stahlskulptur im Bereich des westlichen
Pausenhofs, Vierkantrohr, rostfrei, geschliffen,
400 x 700 x 300 cm


Geprägt vom architektonischen Aufbruchsgeist in München, der sich bis heute vor allem in den berühmt gewordenen Bauten für die Olympiade 1972 spiegelt, entwarf der Architekt Peter Lanz ein Schulzentrum im Südwesten der Stadt. In Fürstenried, einem neuen, seit den 1960er Jahren schnell wachsenden, von großen Wohnanlagen dominierten Stadtviertel, sollte – so die Planung – eine sogenannte „kooperative Gesamtschule“ entstehen, in der über 2.000 Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums und einer Realschule in den Fächern Sport und Musik programmatisch gemeinsam unterrichtet wurden. Als der mächtige Gebäudekomplex an der Engadiner Straße im Mai 1976 eröffnet wurde, war die Idee einer Gesamtschule bereits begraben. Elternproteste, aber auch pädagogische Differenzen hatten wieder zu einer klaren Trennung beider Schulen geführt. Die Staatliche Realschule Joseph-von-Fraunhofer-Schule und das Gymnasium Fürstenried sind seither in einem aus mehreren Baukörpern zusammengesetzten, mehrgeschossigen Hauptgebäude untergebracht, welches sich um eine innen gelegene Hofanlage gruppiert. In einem separaten Bau befinden sich die von beiden Schulen genutzten Sporthallen und das Hallenschwimmbad. Den anfänglichen Konflikten zum Trotz ließ sich schon bald eine positive Identifikation mit der landläufig als brutalistisch bezeichneten Architektur beobachten. Durchaus liebevoll wurde das Gebäude von Schülerschaft und Lehrkräften als „Bunker“ bezeichnet, sicher auch wegen des ästhetisch vorherrschenden, für die Epoche typischen Baustoffs Beton. Der in Berlin geborene Architekt Peter Lanz ist München seit seinem Studium eng verbunden. Seinem Entwurf entstammen zahlreiche Bauprojekte, die das Bild der Stadt bis heute prägen, ob die Ringer- und Judohalle auf dem Olympiagelände, die Eisbärenanlage im Tierpark Hellabrunn, das Mathäser Kino oder das Mercedes-Benz-Center an der Donnersberger Brücke. Bei den Überlegungen zur Farbgestaltung des Schulbaus schlug Peter Lanz dem Baureferat der Stadt München den Künstler Rupprecht Geiger (1908-2009) vor, dessen Kunst der Architekt hoch schätzte. Geigers Entwurf folgend sollte jedes der vier Stockwerke eine eigene Farbstimmung erhalten, die der Künstler selbst als eine „Chance für die ästhetische Stimulation der Schüler als auch als Orientierungssystem innerhalb der Schule“ ansah. In der Eingangshalle im Erdgeschoss ließ Rupprecht Geiger ausgewählte Wandabschnitte mit Faserzementplatten in den für ihn typischen, leuchtend roten, orangen und pinken Farbtönen verkleiden. Zusätzlich platzierte er auf den grau belassenen Sichtbetonwänden drei seiner Ovalformen in derselben orangen Farbe auf Holz. In den oberen Stockwerken wechselte die Farbatmosphäre zu Blautönen im ersten, Grüntönen im zweiten und Gelb / Orange / Pink im dritten Geschoss. Diese Gestaltung wurde im Lauf der vergangenen vier Jahrzehnten zwar verändert, jetzt aber in Teilen wieder rekonstruiert. Anfangs hatte Geiger auch vorgesehen, Ruheräume für die Schüler und Schülerinnen farblich zu fassen, doch zu deren Realisierung kam es schlussendlich nicht. Auf den heute in einem Weißton getünchten Außenfassaden sollte ursprünglich vor allem der graue Farbton des Sichtbetons zur Geltung kommen, lediglich kontrastiert durch die rot gerahmten horizontalen Fensterbänder und die gerundeten Vertikalflächen der Treppentürme, für die Rupprecht Geiger ein kräftiges Blau vorgesehen hatte. Nach Protesten der Nachbarschaft mussten die Türme jedoch schon kurze Zeit später mit einer zurückhaltenden Farbe übermalt werden. Blau und Grün sah das farbliche Programm des Künstlers bei der Gestaltung der Schwimmhalle vor: An deren Schmalseite scheint auf den großen Holzplatten ein blaues Oval zu schweben, dessen obere Hälfte in der Hallendecke verschwunden sein könnte. Umrahmt wird dieses Oval von einem diffusen Kranz in leuchtendem Grün, was den Eindruck einer eigentümlich strahlenden Lichterscheinung über dem Horizont des Wasserbeckens vermittelt. Auf Rupprecht Geiger geht die Initiative zurück, zusätzlich zur Farbgestaltung von ihm selbst zwei der damals renommiertesten deutschen Bildhauer mit skulpturaler „Kunst am Bau“ einzubeziehen: Fritz Koenig (1924-2017) und Alf Lechner (1925-2017). Koenig platzierte im Bereich des südlichen Aufgangs an der Ecke Engadiner / Graubündner Straße, gegenüber der Kirche St. Matthias, eine schlanke, knapp drei Meter hohe Bronzeskulptur mit dem Titel „Große Kore II“. Der Künstler hatte diese vorher bereits 1967/1969 für die Fachhochschule in Darmstadt realisiert. Lechner hingegen positionierte im Bereich des westlichen Pausenhofs an der Graubündner Straße die Stahlskulptur „26 / 73“. Sie ist den minimalistischen Würfelkonstruktionen des Künstlers zuzuordnen, könnte aber im Zusammenhang der Schule mit eigenwillig zusammengestellten Stühlen assoziiert werden. Wohl nicht zum ursprünglichen Kunst-am-Bau-Bestand gehörig, aber dennoch erwähnenswert ist die fünfteilige Tapisserie mit abstrakt wellenförmigen Motiven der Textilkünstlerin und -designerin Susanne Hepfinger, die ein Jahr nach der offiziellen Einweihung der Schule erworben und in der Aula aufgehängt wurde. Das Kunstwerk ist jedoch nicht mehr erhalten. Fast exemplarisch werden im Schulzentrum Fürstenried die identitätsstiftenden und inspirierenden Wechselwirkungen zwischen Kunst und Architektur deutlich. Die gemeinsamen Bemühungen aller Beteiligten um die Erhaltung und Restaurierung der künstlerischen Ideen von damals belegen nicht nur den hohen Grad an Wertschätzung und die Verbundenheit mit einem Ort, den Kunst und Gebäude miteinander erschaffen. Sie zeigen auch den Erfolg des mittlerweile 70 Jahre alten Programms für die „Kunst am Bau“ und deren integrative Kräfte.
Bernhart Schwenk

Fotos: Sigrid Neubert, Andreas Pauly/Archiv Geiger München, Fritz Koenig Museum, Alf Lechner Stiftung