Gabriele Obermaier:
Kugelschwarm, 2018


Wilhelmsgymnasium - Thierschstraße 46
Architekt: BPA Braun Architekten, München, realgrün Landschaf
 

Einzelwerk
   

partizipatorisches Projekt, 111 Bronzekugeln, ∅ 4,5 bis 9 cm, 222 Künstlerbücher




Die Legende von „Giottos O“ erzählt, dass der mittelalterliche Maler Giotto einst als Arbeitsprobe für Papst Benedikt XI. freihändig einen nahezu perfekten Kreis malte, mit den Worten: „Das ist genug und fast zu viel“. Um die Herstellung einer geometrischen Idealform ging es der Münchner Künstlerin Gabriele Obermaier bei den 111 von Hand geformten Kugeln des „Kugelschwarms“ allerdings gerade nicht – sondern um die individuelle Annäherung daran.
Für das partizipative Kunstwerk im historischen Altbau des Wilhelmsgymnasiums bat sie 111 SchülerInnen aller Jahrgangsstufen, Lehrende und Eltern, jeweils eine Kugel mit einem Durchmesser zwischen 5 und 10 cm zu kreieren, jede so einzigartig wie ihr(e) SchöpferIn. Die Künstlerin ließ die Positivformen der Kugeln in Bronze gießen, polieren und lackieren. Anschließend wurden sie teils in verschieden dichten Konstellationen, teils einzeln – und vor allem frei von hierarchischen Strukturen – an den Wänden des drei Geschosse verbindenden Südtreppenhauses angebracht. Eine einzelne Kugel schaffte es sogar bis an die Decke der Turnhalle; fünf weitere findet man am Außenbau, an der Seitenfront zur Maximilianstraße. Darüber hinaus gehört zum „Kugelschwarm“ ein Künstlerbuch, in dem alle Kugeln im Umriss abgebildet und mit Namen verzeichnet sind.
Dieser Schwarm der glänzenden Kugeln ist nicht nur eine ungewöhnliche, mehrteilige Installation, für die Gabriele Obermaier den Begriff „Wandpiercing“ geschaffen hat. Er ist auch die gelungene Verbildlichung des Verhältnisses von Kollektiv und Individuum, das gerade in der Schule eine prägende Rolle spielt. Denn der „Kugelschwarm“ zeigt vor allem auch, dass der Reiz der Vielheit in der Abweichung von der Norm und der Verschiedenheit ihrer Teile liegt.
Roberta De Righi

Fotos: Peter Schinzler