Trude Friedrich und Peter Sauerer:
Wiesengrund, 2014


Kinderkrippe - Lauthstraße 18
Architekt: Peck Daam Architekten München
 

Einzelwerk
   

Haselnussholz, geschnitzt / bemalt
150 x 35 x 20 cm



Seit vielen hundert Jahren erzählen sich Menschen schöne und geheimnisvolle Geschichten, die sich um das Gras und um die Wiesen drehen. So soll es einmal einen Gott mit Namen Heimdall gegeben haben, der von neun Müttern, die auch Schwestern waren, vor langer Zeit am äußeren Rande der Erde geboren wurde. Heimdall, so glaubte man, hatte ganz außergewöhnlich gute Augen und so sensible Ohren gehabt, dass er das Gras wachsen hören konnte.
Andere Erzähler wissen von einer Grasprinzessin zu berichten, die im sommerlichen Wiesengrund in einem niedlichen Schlösschen wohnte. Man musste allerdings sehr genau hinschauen, um es im Gras zu entdecken. Die Tautropfen am Morgen waren der Prinzessin Trinkquelle und Spiegel zugleich und die großen Grashalme dienten ihr als Sonnenschirm während ihres Mittagsschlafes.
Trude Friedrich und Peter Sauerer haben einen Winter lang aus geschmeidigem Haselnußholz über 1500 Grashalme geschnitzt, bemalt und sie zu einem wunderschönen Wiesenstück komponiert. Das Schnitzen jedes einzelnen Halmes, die stetige Wiederholung der immer gleichen Handgriffe zeugen von einem konzeptuellen, beinahe meditativ anmutenden Arbeitsritual; dabei ergeben sich in der Gesamtschau ähnliche, bei genauem Vergleich doch verschiedene Einzelergebnisse. Durch das Werk öffnet sich ein schier unendlicher Bedeutungsfächer von Gegensätzen wie Zufall und Absicht, Endlichkeit und Unendlichkeit, Differenz und Gleichheit, Wille und Intuition, Vertikalität und Horizontalität. Wir stehen staunend davor und können die einzelnen Halme anschauen und ihre individuelle Schönheit bewundern. Oder aber wir betrachten die Wiese als Einheit. Die Besonderheiten des einzelnen Grashalmes und die Schönheit der Wiese gleichzeitig wahrzunehmen gelingt nur schwer. Doch vielleicht besteht die Freude bei der Betrachtung des Werkes ja gerade in dem stetigen Wechsel vom Einzelnen zum Ganzen.
Andreas Bee

Fotos: Hans Engels