Julia Bünnagel:
Third Power, 2014


Kinderkrippe Scheurlinstraße
Architekt: MORPHO-LOGIC Architektur und Stadtplanung, München
 

Einzelwerk
   

polierter Edelstahl, Aluminium
600 x 580 x 3 cm und 410 x 450 x 3 cm



Das Vexierspiel durch Parallelperspektive, meist kombiniert mit Hell-Dunkel-Effekten, ist eine beliebte Variante in der Kunst der optischen Täuschung. Ob der so dargestellte Gegenstand nach vorne tritt oder nach hinten weicht, hängt von der Sichtweise ab.
Die Kölner Künstlerin Julia Bünnagel hat diesen optischen Effekt in ihrem Kunstwerk für die Kinderkrippe in der Scheurlinstraße perfektioniert. Für das Treppenhaus entwarf sie eine Wandinstallation, die mit diesem Effekt spielt, und kombinierte ihn mit der Wirkung des Spiegels. Sie gestaltete eine Vielzahl spiegelnder Edelstahlplatten als so genannte „Necker-Würfel“. Der Schweizer Mineraloge Louis Albert Necker (1786-1861) hatte entdeckt, dass durchsichtige Kristallkanten eine optische Illusion erzeugen - also nach hinten oder vorne kippend - wahrgenommen werden können.
Julia Bünnagels Wandarbeit „Third Power – Dritte Kraft“ besteht aus zahlreichen Necker-Quadraten. Sie bilden unterschiedlich große Strukturen und schweben über der zweiläufigen Treppe. Dafür schnitt die Künstlerin die Spiegelflächen so zu, dass die schmalen Räume zwischen den Einzelformen wie Perspektivlinien wirken. Die Elemente sind schwebend drei Zentimeter vor der Wand angebracht, so dass sich eine räumliche Wirkung ergibt. Die spiegelnden Quadrate verändern sich mit der Bewegung über die Treppenstufen und eröffnen so eine weitere Dimension der Wahrnehmung. Körper, Flächen und ihre Verortung im Raum werden aufgelöst.
Auch in der zeitgenössischen Kunst haftet dem Spiegel eine gewisse Magie an. Er weist über die scheinbare Realität hinaus, macht die Wahrnehmung an sich zum Thema und bezieht die betrachtende Person ein. So auch bei Julia Bünnagel: Ihre Wandinstallation schafft eine in jedem Augenblick neue Bildwirklichkeit und fordert damit unser Sehen und unsere Erkenntnisfähigkeit heraus.
Roberta De Righi

Fotos: Christoph Mukherjee