Wolfgang Stehle:
Walk the Line, 2014


Haus für Kinder am Hugo-Lang-Bogen 33
Architekt: Lanz Architekten+Geberalplaner; LA: Teutsch Ritz R
 

Einzelwerk
   

Stahl, DB-Lack
88 m x 6 m x 3 m



Für seinen eigentlichen Zweck als Führungs- und Haltemöglichkeit ist dieser Handlauf eine grandiose Fehlkonstruktion – zumindest aus konventioneller Sicht. Ganz anders dürften das die Kinder sehen, denen Wolfgang Stehle mit seiner Skulptur „Walk the Line“ einen leicht irren und deshalb besonders bestechenden Handlauf in den Zugangsbereich ihrer Tagesstätte konstruiert hat. Da geht es in schneller Folge auf und ab, um die Ecken und in die Höhe, bohrt sich das grün lackierte Rohrgestänge wie ein durchgeknallter Wurm in den Boden, um gleich danach wieder aufzutauchen und schließlich sogar die Fassade der Einrichtung zu erobern. Ein gewitztes Objekt, das den spontan-intuitiven Entdeckungs- und Fortbewegungsdrang der Kinder warmherzig aufgreift. Und zugleich ein eindrucksvoller Kunstgriff – handelt es sich bei der Konstruktion um eine einfache Linie, die Stehle gleichsam im Raum materialisiert hat. Nicht nur dieses zeichnerische Element ist ein Fixpunkt im Schaffen des gelernten Bildhauers, sondern auch die Analyse konkurrierender Ordnungssysteme und Handlungsschemata, wie sie sich in „Walk the Line“ ebenfalls findet. In diesem Falle durchbricht er die zweckgebundene Linearität des Laufs mittels organischer und dynamischer Formen, verwandelt dadurch ein stringentes in ein flanierendes Bewegungsmuster - und gibt damit die Möglichkeit, vorhersehbare durch intuitive (und somit viel spannendere) Handlungsabläufe zu ersetzen.

Matthias Supé

Fotos: Seeberger.Buss, Wolfgang Stehle