Susanne Thiemann:
Bert, 2013


Haus für Kinder Robinienstraße 58
 

Einzelwerk
   

Carbon und Glasfaser gewickelt, 2,50 x 0,60 x 0,50 Meter



Susanne Thiemanns „Gespinste“ leben. Die Münchner Künstlerin und Korbflechterin lässt ausfransende Gewebe zu Bildern werden: sie verflicht Stühle wie innige Wesen miteinander oder webt wulstige Kissen, die derart geknautscht sind, dass sie wie amorphe Gestalten erscheinen. Textile Techniken haben sich innerhalb der Kunst längst zu einer ebenso subtilen wie starken Ausdrucksform emanzipiert, die ironisch-kritisch mit der weiblichen Konnotation spielen. Susanne Thiemann führt in ihrem spannungsreichen Werk die Perfektion traditionellen Handwerks zur radikalen Zweckfreiheit der Kunst.
Für den Vorplatz des Eingangs in die neue Kindertagesstätte an der Robinienstraße entwarf sie eine rund 2,70 Meter hohe runde Stele, die im Kern aus einem Stahlrohr, ummantelt mit Schaumglas und umwickelt mit Glas- und Carbonfaser, besteht. Zwei symmetrische Einbuchtungen um eine Rundung in der Mitte formen das abstrakte Gebilde vorsichtig zu einer stilisierten Figur, darum nannte die Künstlerin ihr Bildwerk auch „Bert“. Und dieser Bert steht vor der Kindertagesstätte wie ein stiller Wächter, dessen Dimensionen zwar über dem menschlichen Maß liegt, aber doch nicht übermächtig erscheinen.
Von weitem schimmert die Plastik weißlich grau, erst in der Nahsicht erkennt man unter der durchsichtigen Lackschicht das lockere schwarze Carbon-Geflecht auf dem weißen Grund der Glasfasern. Susanne Thiemann schuf bisher Objekte für den Innenbereich aus Kunststofffasern, doch waren diese für den Außenbereich ungeeignet. Aus diesem Grund experimentierte sie hier mit einem für sie neuen Material.
Vor allem durch diese mehrschichtige Materialbeschaffenheit erinnert dieser sanfte Rundling auch an einen Kokon, in den sich ein Insekt verpuppt hat. Der Kokon dient als geschützter Raum für ungestörtes Heranwachsen – und bietet eine Assoziation, die bestens zu einem Haus für Kinder passt. Wer wird am Ende aus dieser Hülle schlüpfen? Eine Spinne, ein Käfer, ein Schmetterling?
Roberta De Righi

Fotos: Moritz Partenheimer