Hacker/Hertrich:
Ohne Titel, 1999/2000


Kindertagesstätte - Schönstraße
 

Einzelwerk
   

In die bereits vorhandene Betonmauer im Eingangsbereich wurden 16 ovale, farbige Glasfenster (25 cm x 36 cm, Siebdruckverfahren) eingesetzt.



Wie durchsichtige lustige Gummi-Eier scheinen die ovalen Sichtfenster über die gesamte Länge einer Betonmauer förmlich zu hüpfen. Auf stimmige Weise entspricht die Choreographie der achsial zueinander gekippten farbigen Glasscheiben dem individuell durchvariierten inhaltlichen Leitmotiv: Nausikaa Hacker und Thomas Hertrich bringen fotografisch "fliegende Kinder" in den diaphanen Mauerdurchbrüchen zur Ansicht. Schwerelos und energetisch scheinen sich die Körper über die Zwänge des Irdischen zu erheben. Realiter wurden die temperamentvollen Mädchen und Jungs im Kindergartenalter während des Trampolinspringens oder beim Sprung von einem Tisch aufgenommen. Dabei verfügen die Kinder offenbar gerade am Kulminationspunkt des fliegenden Akts über die selbstvergessene Leichtigkeit des Seins, wie man sie sich im Erwachsenenalter höchstens noch erträumen kann. Mit ihren Springenden formulieren Hacker und Hertrich auf leichthändige und spielerische Weise eine freiheitliche Utopie jenseits institutioneller Mechanismen. Zugleich sind die kleinen Flieger vortreffliche Identifikationsfiguren für die Kindergartenkinder, spiegelt doch jede/r Einzelne innerhalb des im Mauerwerk eingelassenen Gruppenbildnisses ein Höchstmaß an Individualität wieder. Signalhaft leuchten die im Siebdruckverfahren auf farbigem Glas gedruckten Kinderporträts Passanten bereits von weitem entgegen. Schließlich fungiert die Sichtbetonmauer nicht nur als Abgrenzung zwischen Vorplatz und Spielwiese, sondern ragt bis auf den Fußgängerweg hinaus. Die Formation der in den Glasovalen schwebenden Kinder wird somit zum Erkennungsmal der Tagesstätte. Und wenn sonnige Lichtverhältnisse es zulassen, dann tanzen die durch die farbigen Glasscheibenreflexe auratisierten Schattenbilder sogar wie ätherische Wesen über den Boden. Birgit Sonna

Fotos: Silvana Weber