Scarlet Berner:
Hasenwiese, 2011


Kinderkrippe Bertholdstraße 12
Architekt: ARC Architekten, Bad Birnbach
 

Einzelwerk
   

Schablonenmalerei auf Sichtbeton
3 Holzhasen aus Seekiefersperrholz, 9 x 5,50 m




„Ein Hase sitzt auf einer Wiese, des Glaubens keiner sähe diese.“ So beginnt ein Gedicht von Christian Morgenstern. Es passt gut zu der Kunst am Bau, die Scarlet Berner für die Kinderkrippe in der Milbertshofener Bertholdstraße schuf.
In dem Neubau war die durch alle drei Geschosse durchgehende zentrale Sichtbetonmauer als Kunst-Standort vorgesehen. Berner entwarf für die graue Wand ein weißes Muster aus großformatigen, stilisierten Grasdolden und belebte diese vertikale Wiese mit drei überlebensgroßen Hasen-Relieffiguren aus effektvoll gemasertem, naturfarbenem Kiefersperrholz.
Mit einer Schablone brachte die Künstlerin die Gräser direkt auf die Wand auf, die Hasen treten eine Schicht vor das vegetabile Ornament. Ein Hase hockt direkt über dem Boden - für die Kinder quasi „in Streichelnähe“; die beiden anderen befinden sich im oberen Bereich. Blickt man also von der ersten Etage aus auf die Wand, wird das Geländer zum Gitter eines Hasengeheges.
Das rein Illustrative vermeidet die Künstlerin allerdings, indem sie der Wiese eine andere Maßstäblichkeit als den Hasen und beiden – der Hase ist quasi eine Silhouette – einen gewissen Abstraktionsgrad gab.
Es bleibt aber das Geschöpf klar erkennbar, auf das kleine Kinder stark ansprechen, und das vor allem als Osterhase durch die kindliche Fantasie hoppelt. Und es schwingt noch mehr mit, denn Hase oder Kaninchen sind ja auch ein beredtes Symbol der Kunst – ob beim mittelalterlichen Meister Bertram, dessen Grabower Altar Berner inspirierte, bei Dürer oder Beuys. Sie stehen für Fruchtbarkeit oder, bei letzterem, sogar für Wiedergeburt.
Bei Christian Morgenstern ist der Hase Teil eines großen Ganzen, es betrachtet nämlich „...ein Mensch den kleinen Löffelzwerg, vom vis-à-vis gelegnen Berg. Ihn aber blickt hinwiederum, ein Gott von fern an mild und stumm.“ Mit verträumtem Sprachwitz finden das Possierliche und das Göttliche zusammen. Und auch hinter Scarlet Berners Hasenwiesen-Wandmalerei blitzt der Gedanke an die gesamte Schöpfung auf.

Roberta De Righi

Fotos: Wilfried Petzi