Stephan Fritsch:
Reflexion, 2011


Gisela-Gymnasium, Arcisstraße 65
Architekt: Fischer + Steiger Architekten, München
 

Einzelwerk
   

Wandmalerei, Acrylfarbe und Pigmente



Unvermittelt und unvollendet – auf den ersten Blick wirken die Farbflächen des Künstlers Stephan Fritsch wie Anstrichproben an der Wand. An der Grenze zwischen dem Altbau und dem Neubau des Gymnasiums angebracht, sind sie aber auch eine Schnittstelle zwischen der massiven Wand und dem luftigen Raum. Gleichzeitig lockern diese Farbflächen, die an einigen Stellen wie Wolken zu schweben scheinen, die Statik der Architektur auf: Es sind starkfarbige Flächen, dann wieder pastos wirkende, zarte Farbübergänge, die wie zufällig auf dem hochformatigen Wandstück verteilt zu sein scheinen.
Stephan Fritsch, der an der Akademie der Bildenden Künste in München Malerei studiert hat, setzt ganz bewusst das Motiv des Provisorischen, des Unfertigen, des Zufälligen, ja Beiläufigen ein. Seine „offenen Bilder“ stellen zwar an den Betrachter eine Frage, verweigern aber gleichzeitig eine konkrete Antwort, die sich jeder Betrachter individuell geben muss: „Reflexion“ hat der Künstler diese Wandmalerei genannt, womit sowohl der physikalische Akt der Spiegelung vom Altbau zum Neubau sowie vom Betrachter zum Bild gemeint sein kann, wie aber auch das Gymnasium selbst als Ort der Aneignung, Betrachtung und Reflexion von Wissen. Darüber hinaus steht der Begriff der Reflexion in unserer Gesellschaft als Synonym für Dialog und Toleranz, aber auch für Kreativität und Herausforderung – Parameter also, die als die zentralen Bausteine einer schulischen Bildung verstanden werden. Gerade in seiner fast provokativen Offenheit versinnbildlicht gerade die Wandmalerei von Stephan Fritsch eben dieses moralische und intellektuelle Wertesystem.

Florian Matzner

Fotos: Claudia Hofmair