Rita McBride:
Mae West, 2011


Effnerplatz
 

Einzelwerk
   

Carbonfaserverstärkter Kunststoff CFK, Stahlkern bis 15,5 m Höhe, Stahlringe auf 15,5 und 52 m Höhe, Höhe insgesamt: 52 m,
Durchmesser unten: 32 m, Anzahl der Stäbe: 32, Durchmesser eines Stabs: 275mm unten, 225 mm oben




Realisierung: "Arbeitsgemeinschaft Kunstwerk Mae West am Effnerplatz in München" (Prof. Rita McBride und CGB Carbon Großbauteile GmbH)


In der Kunst von Rita McBride spielt Architektur als Ausgangs- und Bezugspunkt, als Form- und Konstruktionsprinzip eine besondere Rolle. So rekonstruierte sie etwa bestehende Parkhäuser in Form skulpturaler Modelle, oder konstruierte, abgeleitet aus Designelementen, „Arenen“ als tatsächlich benutzbare Tribünenarchitekturen. In Fortsetzung und Überwindung minimalistischer Traditionen setzt sich Rita McBride immer wieder mit dem Verhältnis von seriellen Konstruktionselementen und Volumen, von Funktion, Design und Bedeutung auseinander.

In diesem Sinne besticht auch ihre für den Effnerplatz entworfene Architektur-Skulptur. Die klare und aufs Notwendigste beschränkte Konstruktion besteht aus 32 gleichen Carbonstäben. Sie bilden ein 52 Meter hohes Rotationshyperboloid, einen streng geometrischen Körper, der durch die Drehbewegung der Stäbe über einer Kreisform entsteht. Das meist im Bootsbau verwendete Carbonfasermaterial wurde bisher noch nie in dieser Dimension eingesetzt – es ermöglicht, im Gegensatz zum schweren Stahl, Leichtigkeit und konstruktive Eleganz. Die linearen Stäbe erzeugen eine flächige Netzstruktur, die wiederum ein Körpervolumen formt. Blickt man von innen nach oben ergeben sich vor dem Himmel lineare Muster. Von der Ferne gesehen kann die Skulptur zusammen mit den umgebenden Hochhäusern wie ein gebautes Stillleben erscheinen.

Gewöhnlich kommt Architekturen eine Funktion zu, Rita McBrides Architektur-Skulptur hingegen ist Selbstzweck. Ihre Funktionslosigkeit und Form regt die Fantasie zu den unterschiedlichsten Assoziationen an. McBride nennt sie wie die Hollywood-Schauspielerin Mae West. Für sich betrachtet ist die Skulptur Selbstzweck, im Stadtgefüge wird sie zum markanten zeitgenössischen Stadtzeichen, das dem von äußerst unterschiedlichen Gebäuden umstellten Platz eine Mitte verleiht und ihn gleichzeitig als Verkehrsknotenpunkt markiert.

Heinz Schütz


Der Wettbewerb
Der Effnerplatz ist Teil des Tunnelbauprojektes „Mittlerer Ring Ost“. Hier verschwindet der Isarring, vom Westen her kommend, in den Tunnel, um gleich danach bei der Richard-Strauß-Strasse wieder an die Oberfläche zu kommen und den Blick auf die „Skyline“ des Arabellaparks freizugeben. Dann taucht der Ring wieder ab und tritt erst wieder am Leuchtenbergring zu Tage.

Im Rahmen des Münchner Kunst am Bau Programms QUIVID und der städtischen 2%-Regelung wurde auch für dieses stadträumlich wichtige Bauprojekt ein Kunstbudget vorgesehen. Wegen der finanziellen Größenordnung des Bauvorhabens wurde der Kunstetat auf ca. 0,4% beschränkt. Als Standort wählte die für die fachliche Beratung zuständige „Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum“ den Effnerplatz aus, der in seiner topografischen Lage an der Isarhangkante eine wichtige Zäsur darstellt zwischen den Hochhäusern im Osten, der Wohnbebauung im Südwesten und Norden sowie dem Landschaftspark des Englischen Gartens. Baureferat und Kunstkommission baten im Jahre 2002 acht Künstlerinnen und Künstler, Ideen für diesen Ort zu entwickeln.

Die Entscheidung
In ihrer Sitzung am 30.01.2003 empfahl die Kunstkommission einstimmig, die amerikanische Künstlerin Rita McBride um eine Präzisierung ihres Vorschlages zu bitten. In der Sitzung am 20.03.2003 wurde das erste Ergebnis der Präzisierung positiv bewertet und beschlossen, die Idee weiterzuverfolgen. Die Stadtgestaltungskommission schloss sich in einer gemeinsamen Sitzung mit der Kunstkommission am 15.07.2003 im Rathaus dieser Auffassung an. Die Künstlerin wurde um eine differenziertere Präzisierung gebeten, anhand derer die technischen und genehmigungsrechtlichen Fragen geprüft werden können.

Der zweite überarbeitete Vorschlag wurde von der Kommission zur Realisierung empfohlen. Nach mehreren Informationsveranstaltungen für die Anlieger und die Bürger des Stadtquartiers sprach sich auch der örtliche Bezirksausschuss am 15.06.2004 für das Projekt aus. 2004 beschloss der Stadtrat, das notwendige Bauleitplanverfahren einzuleiten, das als planungsrechtliche Grundlage für den Bau dieses Kunst-Bauwerks notwendig war. Das Verfahren kam am 10.10.2007 mit dem Billigungsbeschluss des Stadtrates zu einem positiven Abschluss. Der Bebauungsplan wurde im März 2008 rechtsgültig. Wegen des neuartigen Materials und der innovativen Technik war anschließend noch eine „Zustimmung im Einzelfall“ der Obersten Baubehörde erforderlich.

Die Realisierung
Für die Realisierung des komplexen Kunstwerkes wurde die „Arbeitsgemeinschaft Kunstwerk Mae West am Effnerplatz in München“, bestehend aus der Künstlerin Prof. Rita McBride und der CGB Carbon Großbauteile GmbH, gegründet. Am 30. Januar 2011 wurde das Kunstwerk mit dem finalen Einhub des Oberteils fertig gestellt. Die Tram St. Emmeram wird allerdings erst nach dem Gleiseinbau und der Oberflächengestaltung das Kunstwerk passieren. Dies ist Ende 2011 geplant.

Die Idee
Rita McBride schlug für den Effnerplatz eine 52 Meter hohe Turmskulptur vor, die einerseits in der städtebaulich heterogenen Situation zwischen zweistöckiger Reihenhausbebauung und angrenzenden Hochhäusern (zum Vergleich: das Hypo-Hochhaus misst 114 Meter, das Westin Grand Hotel 75 Meter) gewissermaßen „vermittelt“ und andererseits diesem Verkehrsknotenpunkt im Nordosten Münchens eine deutliche Markierung gibt.

Die Form
Die geometrische Grundform der Skulptur, die die Künstlerin aus dem Kreis und einer Drehbewegung entwickelt hat, bezieht sich zum einen auf den kreisrunden Effnerplatz selbst, wie aber auch auf das gesamte Projekt des Mittleren Ringes, der als Verkehrsring das Stadtzentrum Münchens „umrundet“. Die Höhe der Skulptur wird durch die filigrane Gitterstruktur der Stab-Konstruktion zurückgenommen, welche ein größtmögliches Maß an Durchlässigkeit, Transparenz und Offenheit erlaubt. Während der Durchgangsverkehr unter der Tunneldecke dahin fließt, wird die Straßenbahn die Skulptur durchqueren. Auf Grund der Einfachheit und Eleganz der Arbeit traut man es ihr zu, den bisher vom Verkehr dominierten Platz mit seiner heterogenen Umgebung in einen städtischen Ort zu verwandeln, in dem die Dynamik städtischen Lebens nicht nur akzentuiert, sondern auch symbolisch verdichtet wird.

Das Material
Mae West hat nichts mit historischen Vorbildern des 19. Jahrhunderts, etwa Ingenieurbauwerken wie dem Eiffelturm, zu tun, sondern ist deutlich ein Produkt unserer Zeit. Die Stäbe bestehen noch bis zum ersten Ringträger in 15 m Höhe aus Stahlrohren, die mit carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) ummantelt sind. Oberhalb dieses Ringes werden die Rohre jedoch vollständig aus CFK hergestellt, wobei sich die Stäbe von unten nach oben verjüngen, von 275 mm auf 225 mm Durchmesser. Diese schier unglaubliche Schlankheit ist möglich durch das Material, das eine extreme Leichtigkeit mit hoher Stabilität und Dauerhaftigkeit kombiniert, und bisher vorwiegend im Bootsbau Verwendung fand. Die einzelnen Rohre des oberen Teils sind 40 m lang und wiegen jeweils ca. 550 kg (ein Sechstel eines vergleichbaren Stahlrohres). Die gesamte obere Carbonkonstruktion wird vor Ort montiert und anschließend mit einem Kran auf die bereits stehende Stahlkonstruktion gehoben und mit dieser verbunden.

Die elegante Form, das ungewöhnliche Material und die verblüffende geometrische Konstruktion werden das Interesse wecken, dieses fragil wirkende Bauwerk auch aus der Nähe kennen zu lernen und räumlich zu erleben. Ähnlich wie bei Olafur Eliassons Kugel in den Fünf Höfen werden sich im Innern der Figur für den Betrachter völlig neue Perspektiven ergeben. Er wird Lust bekommen, die Geometrie der Arbeit zu entschlüsseln. Die Arbeit funktioniert also sowohl in der Fernwirkung - etwa für die Autofahrer, die sich dem Effnerplatz nähern - als auch im direkten Erleben vor Ort für den Passanten oder Fahrgäste der Tram.

Der Titel
Die taillierte Silhouette der Skulptur inspirierte die Künstlerin zum Titel „Mae West“. Er bezieht sich auf das amerikanische Sex-Symbol Mae West, die in den 1920-er Jahren auf den Broadway-Varietébühnen ihre ersten Erfolge feierte und bald zu den bestbezahlten Filmstars Hollywoods gehörte. Mit Partnern wie Cary Grant drehte sie später höchst erfolgreiche Filme. Ihre selbstbewusste Erotik, ihre langen Beine und ihre schlanke Taille, aber auch ihr loses Mundwerk waren legendär. Ihre Mutter Matilda Doelger stammte übrigens aus Bayern.


Rita McBride: Mae West
An Art Project for Effnerplatz

The Competition
Effnerplatz is part of the tunnel construction project “Mittlerer Ring Ost”. This is where the Isarring road, coming from the west, disappears into a tunnel just to come back to the surface a few meters behind the plaza at Richard-Strauß-Straße granting drivers a spectacular view of the skyline of the Arabellapark district. Then, the ring road leads back underground and only comes back up at Leuchtenbergring.

In the framework of Munich's art and construction program QUIVID and a city regulation allocating 2% of building costs in municipal construction projects to art (“2-percent-clause”), this important urban construction project was equipped with a budget for art projects. Due to the fact that this is a very large-scale project, the arts budget was limited to 0.4% of total construction costs. The expert “Commission on Art in Construction and in Public Places” responsible for project consulting chose Effnerplatz as the location for the future work of art because of its topographic location at the Isar river rim symbolizing an important hiatus between the high-rise buildings in the east, the apartment buildings in the south-west and in the north of Munich and the landscape park Englischer Garten. In 2002, the Department of Public Construction and the Arts Commission asked 8 artists to develop project ideas for this location.

The Decision
During its session on January 30, 2003 the Arts Commission unanimously decided to ask the American artist Rita McBride for a more detailed proposal. During the session on March 20, 2003 this first detailed proposal was approved and the Commission members decided to further pursue this idea. In a joint session in the City Hall on July 15, 2003 the City's Commission on Urban Design followed the Arts Commission's proposal. The artist was asked to submit a differentiated, detailed project plan for examination of compliance with technical and authorization requirements.

The Commission then recommended that this second, revised proposal be implemented. The local City District Council also voted in favor of the project on June 15, 2004. In 2004 the necessary urban land-use planning procedure was initiated. According to planning law, such a procedure is the necessary basis of art project like these. In the end of 2007, the planning procedure was brought to a positive conclusion. Due to the innovative material and technology to be used in the construction of the work of art, a separate approval for this particular project had to be obtained from the Supreme Building Authority.

The Realization
For the realization of this complex work of art, the Mae West Working Group (“Arbeitsgemeinschaft Kunstwerk Mae West am Effnerplatz in München”), comprising the artist Prof. Rita McBride and CGB Carbon Großbauteile GmbH was founded.

The Idea
For the art location at Effnerplatz, Rita McBride suggested a 52m-high tower-sculpture which kind of “harmonizes” between the heterogeneous building situation consisting of two-storied terraced houses and high-rise buildings (for comparison: the Hypo building is 114 meters high, the Westin Grand hotel is 75 meters high) and also provides this traffic hub in the northeast of Munich with an exceptional landmark.

The Form
The sculpture's principal geometric form which the artist developed beginning with a circle and a rotating movement, refers to the round Effnerplatz itself on the one hand and, on the other hand, to the entire Mittlerer Ring road encircling Munich's inner city districts. Despite its height, the sculpture will be unobtrusive thanks to the sophisticated grid-like structure of the stick construction allowing a maximum of permeability, transparency and openness. While car traffic is directed through a tunnel below the plaza, the tramway will pass through the sculpture. Thanks to the simple and elegant design of this piece of art, it might turn this plaza so far dominated by traffic and its heterogeneous surroundings into a place which doesn't only accentuate the dynamics of urban life but also stands as a symbol for this vitality.

The Material
Mae West does not have anything to do with historic role model constructions of the 19th century, such as the Eiffel Tower, but it is clearly a product of our time. Up to the first circular girder at a height of 15 meters, the sticks consist of steel tubes coated with carbon fiber-reinforced plastic (CFRP). Above this girder, all tubes will be entirely made of CFRP, tapering towards the upper end from a diameter of 275 mm to 225 mm. This incredibly slender construction can be achieved with the above-mentioned material combining an extremely low weight with high stability and durability and so far mainly used in boat-building. Each tube in the upper part is 40 m long and weighs roughly 550 kg (one sixth of a comparable steel tube). The whole upper carbon construction will be assembled on site and then lifted onto the pre-installed steel construction with a crane and connected with it.

The elegant form, the unusual material and the stunning geometric construction will arouse people's interest and encourage them to take a closer look at the seemingly fragile construction and enjoy the spatial experience. Similar to Olafur Eliasson's Sphere in Munich's Fünf Höfe, viewers will experience entirely different perspectives standing inside the sculpture. They will want to know what's behind the geometry of this piece of art. Thus, this sculpture has a long-distance effect – for example on those approaching Effnerplatz by car – as well as an immediate on-site effect that can be experienced by pedestrians or tramway passengers.

The Title
The sculpture's waist-like silhouette inspired the artist to chose Mae West as a title for this piece of art. It refers to the American sex symbol Mae West who first made a name for herself in vaudeville shows on Broadway in the 1920s and soon became one of the best-paid actresses in Hollywood. She starred in very successful movies together with fellow actors like Cary Grant. Her self-confident erotic appearance, her long legs and her slender waist but also her quick tongue were legendary at the time. And her mother Matilda Doelger was from Bavaria.

About the Artist
Rita McBride was born in Des Moines, Iowa in 1960. She lives and works in Düsseldorf and is a professor for sculpting at the Düsseldorf Academy of Arts. The artist already participated in various important exhibitions in Germany and abroad and was awarded several prizes and grants. Her most recent major solo exhibition “Previously” took place in the Kunstmuseum Winterthur in 2010.

Fotos: Haubitz + Zoche