Christiane Dörrich:
Schatzkiste, 2002


Kinderhort Neuaubing - Wiesentfelserstraße 55
 

Einzelwerk
   

Installation, 90 x 100 cm, Holz, Papier, Licht, Plexiglas, Zeitschaltuhr



Wen hätte nicht schon einmal eine lapidare Kinderfrage nach unseren Daseinsgründen völlig aus dem Konzept gebracht? Kinder rühren empfindlich an offenen Existenzfragen zu Gott und der Welt, die Erwachsene gemeinhin aus ihrem Horizont verbannt haben. Umgekehrt lassen sich gerade Heranwachsende gut auf ursächliche philosophische Unbekannten und ethische Bereiche hinführen, weil ihr Denken noch nicht so stark von normativen Vorstellungen geprägt ist. Christiane Dörrich gelingt dies mit einer ebenso unprätentiösen wie überraschenden Wunderfragen-Maschine: "Hat die Zeit einen Anfang?" "Wie kannst du wissen, ob nicht alles, was du erlebst, ein Traum ist?" "Können Tiere denken?" Für die Sieben - bis Elfjährigen der Kindertagesstätte Neuaubing erfand Christiane Dörrich ein Sesam-öffne-dich der ungelösten Basisdinge des individuellen, aber auch makrokosmischen Lebens. Wer die mit einer Holzklappe versehene Luke zu ihrer in die Wand eingebauten "Schatzkiste" im ersten Stock öffnet, wird jeden Tag mit einem anderen Worträtsel konfrontiert. Insgesamt 49 philosophische Fragen sind auf einem Karussell angebracht, das sich verborgen hinter der Wand dank einer Zeitschaltuhr Punkt 11 Uhr eine Station weiterbewegt und eigens beleuchtet wird. Vor mal rotem, mal gelbem oder bläulichem Papiergrund sieht man wie durch ein Zeitfenster die große Frage des Tages wie eine von weither geschickte Geheimbotschaft aufleuchten. Christiane Dörrich war es wichtig, dass sich jenseits großer pädagogischer Hilfestellungen für jedes einzelne Kind ein eigener geistiger Raum eröffnet. Durch das wie ein Piratenschatz versteckte Geheimnis hinter der auffällig gemaserten Holzklappe werden die Kinder im alltäglichen Rhythmus auf ihre eigene Identität und Wahrnehmung gestoßen. Sind sie erst neugierig geworden, erschließt sich durch eine Hintertüre auch der erste Zugang zur (Sprach-)Kunst quasi spielerisch. Birgit Sonna

Fotos: Stefan Braun