Farida Heuck:
Tafelfries, 2008


Kinderkrippe Posenerstraße 2
Architekt: Peter Haimerl
 

Einzelwerk
   

Material: Holz, Lack
Maße: ca. 33m lang und 0,6m - 1,20m hoch




„Tafeln zu bemalen reizte mich als Kind immer, jedoch hatte ich kaum Gelegenheit. Als ich dann das erste Mal in der Schule aufgerufen wurde, etwas an die Tafel zu schreiben, quietschte die Kreide und mein Geschriebenes war viel zu klein. Hinter mir lachten alle.“ Wer kennt diese Kindheitserinnerung nicht, vor der gesamten Schulklasse bloßgestellt zu werden, mit dem Rücken zu den anderen Mitschülern, dem Lehrer ausgeliefert. Doch die in Berlin und München lebende Künstlerin Farida Heuck benutzt das Motiv der leeren, dunkelgrünen Schultafel ganz bewusst, um eben diese Ängste und Hemmungen erst gar nicht aufkommen zu lassen, sondern sie zu einem zentralen Bestandteil kindlicher Kreativität und Phantasie werden zu lassen.
Der lange Korridor der Kinderkrippe, der vom Eingang aus wie eine Rampe leicht geneigt ist und die gesamte Architektur übersichtlich erschließt, ist auf der rechten Seite mit einem kindshohen, perspektivisch zulaufenden Fries verkleidet, der sich beim näheren Hinschauen in der Tat als eine mit Kreide bemal- und beschreibbare Tafel entpuppt. Die Tafel unterstreicht als fluchtendes Farbband die Perspektive der Architektur. Direkt auf die Mauer appliziert, wird diese ca. 30 Meter lange „Endlostafel“ unverzichtbarer Bestandteil der Wand und damit der Architektur selbst: Die so genannte Kunst am Bau verschmilzt hier konzeptuell überzeugend zur Baukunst, in der die traditionellen Grenzen zwischen Architektur und Bildender Kunst, zwischen Design und Innenarchitektur, zwischen Funktion und Ästhetik keine Bedeutung haben.
Gleichzeitig stellt sich die Künstlerin Farida Heuck den konkreten Bedürfnissen der Kinder: Die Gestaltung der eigenen, persönlichen Umwelt, das Malen, Basteln, Werken, die „Kommentierung“ von tagesaktuellen Ereignissen und Anlässen wie z.B. Geburtstagen oder Festen, Feiertagen und Jahreszeiten. Offensiv wie eine Plakatwand, aktuell wie ein Flugblatt erreicht die im Bild oder in Schrift geäußerte Botschaft der Kinder und auch der dort arbeitenden Erwachsenen plötzlich die Öffentlichkeit der Gruppe – der Tafelfries wird damit zur Wandzeitung der gesamten Kinderkrippe.
Florian Matzner

Fotos: Peter Schinzler