Karolin Bräg:
Abschied ist ein intimer Moment. Es braucht Zeit. Es kann länger dauern., 2004-2007


Westfriedhof - Baldurstraße 28
(Urnenfeld im Gräberfeld 167a)
 

Einzelwerk
   

schwarzer und weißer Granit, ø 6 m, h 0,6 m



„Über das Sterben sprachen wir nie.“ …„Es ist gar nicht so wichtig, ob es Gott gibt. Er wird gebraucht.“ Diese und zahlreiche andere Zitate stehen auf dem Steinkreis, den die Münchener Bildhauerin Karolin Bräg in der Mitte des Urnenfeldes auf dem Westfriedhof platziert hat. Mit einem Durchmesser von 6 Metern und einer Höhe von 60 cm ist der Steinkreis innen aus hellem, außen aber aus dunklem Granit hergestellt und vereint mit dieser Farb- und Materialwahl symbolisch Leben und Tod in der Ewigkeit.
Die Künstlerin beschäftigt sich seit etlichen Jahren in ihrem Werk mit Abschied und Trauer. Für das Projekt auf dem Westfriedhof hat Karolin Bräg ein Jahr lang intensive Gespräche mit Menschen geführt, die auf dem Westfriedhof die Grabstätte eines Verwandten oder eines Freundes besuchen: Diese Gespräche kreisten immer um den Verlust eines geliebten Menschen, die Tragik des Unvorbereitetseins oder das Schicksal der Einsamkeit. Aus diesen Zusammenhängen hat die Künstlerin einzelne Zitate und Satzfragmente isoliert und diese in ihrer eigenen Handschrift in den Granit eingraviert. So ergibt sich eine Sammlung persönlicher, ja intimer Äußerungen, Assoziationen und Wünsche, die für die Besucher Anlass und Motivation zur bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod oder mit dem Verlust eines geliebten Menschen werden.
Ebenso behutsam wie bestimmt setzt Karolin Bräg mit diesem Steinring ein beständiges Zeichen, um der Sprachlosigkeit und der Tabuisierung des Todes entgegenzutreten. Ein Zeichen, dass unterschiedlichste Formen der Trauer offenbart und Mut macht, seinen eigenen individuellen Weg zu gehen. (dieses Zitat kommt evtl. in den Innenteil der Klappkarte)
Steinkreis und Urnenfeld, dazu der regelmäßig angelegte Pflanzenbewuchs als dialogisches Gesamtkunstwerk aus Kultur und Natur wird noch ergänzt durch das kreisrunde Brunnenbecken, das ebenfalls aus Granit gearbeitet ist und den die Bildhauerin in der einen Ecke des Urnenfeldes platziert hat und der hier wie ein Lebensbrunnen Erfrischung und Freude spendet. Für den Spaziergänger aber wirkt der Steinkreis aus einiger Entfernung wie ein monumentaler Altar, der als Ort der Begegnung zum Sitzen und Verweilen einlädt, der Begegnung mit sich selbst und mit anderen, ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens, des Innehaltens.
Florian Matzner

Ermöglicht wurde diese Arbeit durch den großzügigen Nachlass einer Stifterin zugunsten des Westfriedhofs.

Fotos: Christoph Mukherjee, Christoph Mukherjee, Thierry Boissel, Christoph Mukherjee, Thierry Boissel