Sigrid Sigurdsson:
WELTENWUNDERLAND - Die Bibliothek der Kinder, 365 und 1 Tag, 2007


Grundschule Gebelestraße 2
Architekt: Generalsanierung: Drescher + Kubina
 

Einzelwerk
   

Schrank: 8,40m x 3,40m
366 leinengebundene Kassetten




Seit langer Zeit arbeitet die Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson mit dem von ihr entwickelten Prinzip der „Offenen Archive“. Inspiriert durch das umfangreiche Archiv der 1914 eröffneten Volksschule an der Gebelestraße fügt die Künstlerin mit ihrem auf mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte angelegtem Kunstprojekt der Schule ein weiteres Dokumentationszentrum hinzu, das allerdings in außergewöhnlicher Weise die Vergangenheit der Geschichtenerzähler mit der Gegenwart der Schulkinder verknüpft: Die Kinder können mit ihren Lehrerinnen und Lehrern oder auch Eltern Briefe an Personen verschicken mit der Bitte, auf dem beigelegten Blatt einen wichtigen Tag oder ein besonderes Ereignis in ihrem Leben zu schildern. Diese persönlichen Geschichten werden in einer Bibliothek in der Aula versammelt: In insgesamt 366 Kassetten befinden sich jeweils 24 Umschläge, die damit den Stunden des Tages entsprechen. Die Zahl 366 entspricht dagegen den Tagen des Jahres, das Schaltjahr mitgerechnet. Wenn die Bibliothek, von der Künstlerin als „Offenes Archiv“ angelegt, irgendwann einmal vollendet sein wird, werden sich also insgesamt 366 Kassetten bzw. Tage x 24 Umschläge bzw. Stunden, insgesamt also 8784 individuelle Geschichten und Anekdoten, Erlebnisse und Begebenheiten, in dieser Bibliothek befinden, die sich damit zu einem kollektiven Gedächtnis verdichtet. Ergänzt wird jede Kassette noch durch ein herausragendes Kinder- und Jugendbuch.

Durch die wohlüberlegte Gestaltung des Wandregals und der Kassetten erhält die Bibliothek zusätzlich zu ihrem historischen Charakter als Archiv und Zeitdokument eine auch ästhetische Aussage, die die gemalte Phantasiewelt der Tanzenden Stühle von Dorothee Golz auf der Wand des gegenüberliegenden Musikraums aus dem Medium des Bildes in das Medium des Wortes überträgt.

Florian Matzner

Fotos: Peter Schinzler