Vito Acconci:
Courtyard in the wind, 2000


Technisches Rathaus - Friedenstraße 40
Architekt: Architekten Ganzer + Unterholzner
 

Einzelwerk
   

Windrotor auf dem Dach des Turms und ringförmige Drehscheibe im Innenhof. Wenn Wind weht, produziert der Rotor Energie, die den Ring, das heißt einen Teil des Innenhofes, in langsame Rotation versetzt.



In den sechziger Jahren tritt Vito Acconci zuerst mit experimentellen Texten und dann mit radikalen Performances an die Öffentlichkeit. Seitdem gehört er zu den wenigen Avantgardisten, denen es gelingt den überlieferten Kunstbegriff und das darin angelegte Künstlerverständnis in ständiger Selbsterneuerung zu übersteigen. Bereits in den frühen Arbeiten gilt Acconcis besonderes Interesse dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, von Körper und Stadtraum. Nach einer Phase audiovisueller Installationen konzentriert er seine Aufmerksamkeit in den achtziger Jahren zunehmend auf Häuser und Möbel. Mit der Gründung des Acconci Studio im Jahr 1988 wendet er sich der Architektur, der Landschaftsgestaltung und der Stadtplanung zu. Seine theoretisch-poetischen Schriften kreisen immer wieder um die Frage, was der öffentliche Raum heute bedeutet. Mit Courtyard in the Wind wurde die in Deutschland erste auf Dauer angelegte Öffentliche-Raum-Arbeit des Acconci Studio verwirklicht.
Wie in einer Reihe anderer Entwürfe antwortet das Acconci Studio mit Courtyard in the Wind im Sinne einer Art von „De-Design“ auf die vorgegebene Architektur. Das heißt hier: Ein Teil der Architektur wird in Bewegung gesetzt. Gleichzeitig wird das Oben nach Unten geholt. Konkreter: Aconcci Studio installiert auf dem Turm des Technischen Rathauses einen Windrotor und im Hof eine motorbetriebene Ringscheibe. Wenn der Wind weht, dreht sich der Windrotor. Der Rotor produziert Strom. Der Strom wiederum setzt die Scheibe unten im Hof in Bewegung. Gebrochen durch die technologische Vermittlung bewegt der Wind hier etwa nicht nur die Blätter und Äste eines Baumes, sondern, in Sinne einer Neuinterpretation der Formulierung „Hof im Wind“, versetzt er ein Teilstück des Hofes samt Baum, Bank und Laterne, Weg und Wiese in langsame Rotation.
Im Gegensatz zu Kunst, die als Architekturapplikation fungiert, wird Courtyard in the Wind zu einem Teil der Architektur. Als Architektur entspricht die Arbeit den Anforderungen, die Vito Acconci an die Public Art stellt: Ohne als Kunst aufzufallen, erzeugt sie, im Gegensatz zum Sockelkunstwerk, öffentliche Räume. In diesem Sinne wird Courtyard in the Wind auf den ersten Blick nicht als Kunstwerk sichtbar – zumal dann, wenn kein Wind weht, geschieht nichts. Am Rande der bewussten Wahrnehmung entspricht der architektonische Eingriff Acconcis Ideal von Public Art: „Public Art auf der Straße könnte so sein, dass du sie beinahe nicht bemerkst, wie die Straßenbeleuchtung oder einen Feuerhydranten. Später, nachdem du daran vorbeigegangen bist, stellt sich womöglich eine vage Erinnerung ein, obwohl du nicht festmachen kannst, woher diese Erinnerung kommt, eine Erinnerung, die wie ein Lied ist, das dir nicht aus dem Kopf geht.“
Anders als ein Kunstobjekt, dem der Betrachter gegenüber steht, produziert Architektur betretbare Räume. – Acconci: „Sobald sich der Betrachter inmitten der Dinge befindet, wird Kunst zur Architektur“. – Courtyard in the Wind involviert den Betrachter. Die Wahrnehmung der Drehung basiert auf dem Bezug zum eigenen Körper. Sie ist relativ zum Standort des Wahrnehmenden. Von außen gesehen bewegt sich die Hofscheibe, von der Hofscheibe aus gesehen dreht sich der Innenhof um den Betrachter. Steht er/sie in der Mitte fährt ein Teil des Hofes vor dem stillstehenden Hintergrund an ihm/ihr vorbei. Und: Jeder Betrachter ist, sobald er/sie sich im Umfeld der Arbeit bewegt, auch ein Betrachteter. Wer sich auf der Scheibe befindet, erscheint für die Außenstehenden als Teil der bewegten Welt. Von der Drehscheibe aus gesehen sind die Außenstehenden ein Teil des vorüberfahrenden Hintergrunds.
Die Bewegung der Ringscheibe vollzieht sich langsam, so dass sich Passanten womöglich verwundert fragen, ob sie ihre Erinnerung täuscht, oder ob sich der Baum und die Bank tatsächlich bewegen. Die minimale Bewegung fordert zur meditativen Betrachtung auf. Gleichzeitig wird das Minimale zum Sensationellen und Mirakulösen, findet hier doch ein nie zuvor gesehenes Ereignis statt: Der Hof dreht sich. Seine Rotation erinnert an die Erdbewegung, an eine Art Winduhr, der die Bewegung zum Selbstzweck wurde. Zieht man in Betracht, wie der Wind, indirekt, qua Strom, den Hof bewegt, schlägt sich in Courtyard in the Wind ein Moment technoider Entfremdung nieder, das in das Spielerische einer Karussellfahrt gekehrt wird und dies an einem Ort, wo gewöhnlich administrative Nüchternheit vermutet wird. In der Verkehrung dieser Erwartung eröffnet Acconci einen Raum, der über die gewöhnliche Benutzung hinausweist und im Sinne von Acconcis Verständnis von Public Art Öffentlichkeit herstellt. Heinz Schütz

Fotos: Stefan Müller-Naumann